Stillstand bei der EZB: Europa im Krebsgang?
Der aktuelle Neuwirth Finance Zins-Kommentar
Während die amerikanische Notenbank (Fed) ihren Zinssenkungszyklus konsequent fortsetzt, herrscht bei der Europäischen Zentralbank (EZB) seit Monaten Stillstand. Mehr als acht Monate sind seit der letzten Zinsanpassung vergangen – eine Phase der geldpolitischen Zurückhaltung, wie sie zuletzt im Jahr 2022 zu beobachten war. Die Eurozone scheint sich damit zunehmend in einer Seitwärtsbewegung zu verfangen, ohne klare Signale für einen Kurswechsel nach oben oder unten. Die Frage drängt sich auf: Dreht die EZB in diesem Jahr noch an der Zinsschraube?
Ein Blick auf die Inflationsentwicklung liefert erste Hinweise (vgl. Abbildung 1). Seit Mitte 2023 bewegt sich die Teuerungsrate in einer engen Bandbreite zwischen rund zwei und drei Prozent. In den vergangenen sechs Monaten lag die Inflation durchgehend zwischen 2,0 und 2,2 Prozent – ein Niveau, das zunehmend auf eine Stagnation hindeutet. Auch die Kerninflation folgt diesem Muster und liegt nur leicht über der Gesamtinflation. Haupttreiber bleiben die weiterhin hohen Preise im Dienstleistungssektor.
Jüngst veröffentlichte Eurostat-Daten deuten jedoch auf eine leichte Entspannung hin. Für Januar 2026 wird erwartet, dass die Inflation von aktuell rund 2,0 auf 1,7 Prozent sinkt. Sollte sich dieser Abwärtstrend bestätigen, könnte dies den geldpolitischen Handlungsspielraum der EZB vergrößern. Zumindest eine erneute Diskussion über mögliche Zinssenkungen dürfte damit wahrscheinlicher werden.
Abbildung 1: Inflations- und Kerninflationsentwicklung

Quelle: Eurostat (2025); eigene Darstellung
Auf der Zinsseite herrscht hingegen weiterhin Bewegungslosigkeit. Seit Mitte 2025 hat die EZB ihre Leitzinsen unverändert gelassen (vgl. Abbildung 2). Der aktuelle Leitzins liegt bei 2,0 Prozent und entspricht damit – gemessen an der Inflationsrate – einem Realzins nahe null. Ein Niveau, das geldpolitisch kaum restriktiv wirkt und die Konjunktur weder spürbar bremst noch gezielt stimuliert.
Auch die langfristigen Kapitalmarktzinsen spiegeln diese Seitwärtsbewegung wider. Die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen pendeln seit Mitte 2023 zwischen zwei und drei Prozent, zuletzt mit leicht steigender Tendenz. Für Unternehmen, Immobilienfinanzierungen und den Staat bedeutet dies: Planungssicherheit ja, Entlastung nein.
Abbildung 2: Leitzinsentwicklung in der Eurozone

Quelle: Eurostat (2025); eigene Darstellung
Vor diesem Hintergrund spricht vieles dafür, dass die EZB ihren abwartenden Kurs zunächst fortsetzt. Entscheidend wird sein, ob sich der jüngste Rückgang der Inflation als nachhaltig erweist oder lediglich das Ergebnis temporärer Effekte ist. Insbesondere Basiseffekte aus dem Vorjahr spielen dabei eine Rolle: Im Januar 2025 lag die Inflationsrate noch bei vergleichsweise hohen 2,5 Prozent.
Solange keine klaren Signale für eine dauerhafte Unterschreitung der Zwei-Prozent-Marke vorliegen, dürfte die EZB größere geldpolitische Schritte vermeiden. Zinssenkungen vor dem Sommer erscheinen daher wenig wahrscheinlich. Europa bleibt vorerst im geldpolitischen Krebsgang – langsam, vorsichtig und ohne klare Richtungsentscheidung.
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